Gefangene Freiheit

Jeden Tag verfolgt einen das Gefühl der Tag habe zu wenig Stunden. Für nichts ist genug Zeit da. Und dabei kommt es noch nicht einmal darauf an, wieviele Stunden man tatsächlich zu freien Verfügung hat. Es ist egal, wieviel Zeit man hat. Es ist nie genug. Die Frage ist, woran liegt das?! Warum ist nie für irgendetwas genug Zeit? Gefühlt. Denn tatsächlich ist es ja so, dass wir jede Menge Zeit haben. Wenn man sich die Menschen vor vielen hundert Jahren anguckt, dann haben wir unendlich viel Zeit für alles und nichts. Wir müssen uns keine Gedanken mehr über unsere Nahrungsbeschaffung oder unser Überleben im Allgemeinen machen. Wir sitzen (überwiegend) in warmen Mietswohnungen und tätigen einen Anruf, wenn es aus der Decke tropft, anstatt sich selbst ans Werk machen zu müssen. Wir tippen ein bisschen auf einem unserer Blaulichtbildschirme herum und googlen etwas über die Größe des Universums anstatt bei Blitzen und Grollen vom Himmel in Panik auszubrechen. Wir haben es genau genommen ziemlich gut. Und doch fehlt irgendetwas, denn um all diese Freiheit und diesen Luxus zu haben, müssen wir uns einfügen in das um uns herum. Wir müssen einer Arbeit nachgehen, um bei all dem mithalten zu können. Ja, mithalten. Man muss sich einfügen, um nicht abgestoßen zu werden. Dabei sucht man sich krampfhaft irgendetwas, womit man Geld verdienen kann, um hinein zu passen. Einer Aufgabe nachzugehen, um sich Anerkennung zu verdienen. Und bei all dieser Anpassung und dem Reingequetsche ins System, haben wir keine Zeit mehr für das, was uns vielleicht wirklich erfüllt. Wir haben keine Zeit für große Träume. Wir müssen unser Dach vielleicht nicht mehr selber reparieren und die Kartoffeln nicht mehr selbst aus der Erde graben. Dafür müssen wir den ganzen Tag für irgendwen anderes arbeiten, um uns am Ende die fertige Pizza aus dem Supermarkt zu holen und sie vor dem Fernseher zu verdrücken, während unser Gehirn immer mehr die Fähigkeit verliert sich zu entfalten. Frei zu denken, kreativ zu sein. Wir sind so übersättigt, dass wir nicht einmal mehr Lust haben auszubrechen. Die Angst, die Anstrengung und die Abgrenzung. Und trotzdem sind wir nicht glücklich. Aber vielleicht sollte ich das nicht so verallgemeinern. Es gibt bestimmt viele Menschen, die damit oder trotzdem glücklich sind. Nein, ich sollte das nicht so verallgemeinern. Ich kann es nicht so verallgemeinern. Aber ich kann sagen: ich bin damit nicht glücklich. Ich passe nicht in dieses System. Aber ich bin genau so ein Angsthase, wie jeder andere auch. Deswegen füge ich mich ein, in dieses System in das ich nicht rein möchte, aber irgendwo in mir drin schreit es. Es schreit und beißt und tritt und will da raus. Raus aus der Konvention, raus aus der du musst-Schiene. Einfach raus hier. Denn wir sind nicht frei. Wir glauben, wir sind frei. Aber wir sind es nicht.